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Arbeitsschutz

 

Vor- und Nachteile der Sprühdesinfektion
Frage: Bei der Reinigung und Desinfektion von Flächen ist in Krankenhäusern, aber auch in der Altenpflege immer wieder zu beobachten, dass Arbeitstische und medizinische Geräte durch Besprühen von Desinfektionsmitteln aus Sprühflaschen „desinfiziert“ werden; Pflege- und Reinigungspersonal greift aus Bequemlichkeit gern zur Sprühflasche; das ist einfach und nicht so zeitraubend wie eine Wischdesinfektion, bei der zudem noch die Desinfektionsmittellösung angesetzt und Handschuhe getragen werden müssen. Hinweise auf die oft mangelnde Effektivität und die gesundheitliche Gefährdung durch das Sprühen werden aus den genannten Gründen oft nicht angenommen. Gibt es eine Zusammenfassung, die die Vor- und Nachteile der Sprühdesinfektion gegenüberstellt? Womit werden die Nachteile der Sprühdesinfektion aus wissenschaftlicher Sicht begründet? Wo finde ich diesbezügliche Informationen, die in Schulungen verwendet werden können?

Wirksame Desinfektionsmittel sind in der Liste des Verbunds für Angewandte Hygiene e.V. (VAH) bzw. für den Seuchenfall in der des Robert Koch-Instituts (RKI) aufgeführt [1, 2]. Dort finden sich aber keine Angaben auf die mögliche Gefährdung der Anwender oder Dritter. Desinfektionsmittel schädigen bestimmungsgemäß lebende Zellen und sind daher bei unsachgemäßem Gebrauch gesundheitsschädlich. So können sie unter Umständen Haut und Atemwege verätzen oder zumindest reizen; sie können allergische Reaktionen auslösen, gelten als potenziell kanzerogen oder eventuell als erbgutschädigend. Die Anwendung von Desinfektionsmitteln unterliegt damit einem umfassenden Regelwerk (s. u.). Kleine Flächen, die oft nur schwer zugänglich sind (an Behandlungsstühlen, Tischen, Telefonhörern, Klinken, Toiletten, Waschbecken, medizinischen Geräten usw.), werden in ihrer Bedeutung als Infektionsquellen häufig unterschätzt. Hier bietet sich die Sprühdesinfektion bei richtigem Einsatz als ein sinnvoller Ersatz oder Ergänzung zur Wischdesinfektion an. Bei Sprays allgemein und somit auch bei der Sprühdesinfektion werden flüssige Substanzen unter Druck aus Handsprühflaschen oder Drucksprühdosen durch eine Düse gepresst und in einem Trägergas (Luft oder Treibgas) auf Flächen ausgebracht, um sich auf ihnen abzusetzen. Hierbei entstehen Tropfen und Tröpfchen unterschiedlichster Größe, die die Luft belasten [3]. Sie lagern sich in der Regel innerhalb weniger Minuten auf horizontalen Flächen ab. Während dieser Zeit können die Tröpfchen eingeatmet werden oder sich auf der Haut absetzen; daneben ist unter Umständen mit einer unzureichenden Desinfektion der Flächen zu rechnen, da Aerosole als Tröpfchen sedimentieren und somit die Fläche nicht vollständig benetzt wird, falls nicht mit einem Lappen oder Tuch nachgewischt wird. Damit sind die beiden grundsätzlichen Probleme der Sprühdesinfektion umrissen: 1. die mögliche gesundheitliche Belastung 2. die oft unzureichende Flächendesinfektion Gesundheitliche Belastung In Abhängigkeit der jeweiligen Inhaltstoffe kann es grundsätzlich bei Sprays über das Einatmen der Aerosole zu unterschiedlichen Belastungen für die sich im Raum befindenden Personen kommen [4]. Nicht alle Sprays sind dabei gleich gefährlich. Die Belastung durch Sprays allgemein wird von verschiedenen Faktoren bestimmt wie: – Inhaltsstoffe, Art des Produktes bzw. die Anwendungslösung – Stoffquellenstärke (Verdunstung, Verdunstung von bereits benetzten Oberflächen), – die Größe der Tröpfchen (je kleiner, desto länger schweben sie und können eingeatmet werden), – Intensität der Hautbelastung beim Sprühen, – Größe des Raumes und die Lüftungshäufigkeit u.a.m. [5]. Desinfektionsmittel mit bestimmten Wirkstoffen wie z. B. Aldehyden (Formaldehyd, Glutardialdehyd, Glyoxal) können nur dann eine Exposition darstellen, wenn sie aufgrund ihres nennenswerten Dampfdruckes dampfförmig oder als Aerosol in der Luft vorliegen. Quaternäre Ammoniumverbindungen und Biguanide sowie Alkylamine haben keinen Dampfdruck (sie sind nicht „flüchtig“) und können ausschließlich als Aerosol atemwegs- oder hautbelastend wirken. Bei oxidierenden Substanzen kann es daneben auch zur Bildung atemwegsreizender Gase kommen. So ist beispielsweise bekannt, dass bei routinemäßiger Ausbringung von Formaldehyd-haltigen Desinfektionsmitteln oder sogenannten Formaldehyd-Abspaltern eine kurzfristige Geruchsbelästigung bzw. Reizung von Schleimhäuten möglich ist; bei bereits bestehender Sensibilisierung gegen Formaldehyd kann auch ein allergisches Kontaktekzem auftreten. Die Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege stuft (auch Alkohol-)Aerosole als Gesundheitsgefahr ein. So besagt die BGR 209: „Werden Desinfektionsreiniger in Sprüh- oder Vernebelungsverfahren eingesetzt, ist mit erhöhten Gefahrstoffkonzentrationen (Dämpfe und Aerosole) zu rechnen“ [5]. Demzufolge wird durch diese Institution die Einhaltung der Grenzwerte überprüft. Nach dem Arbeitsschutzgesetz und der Gefahrstoffverordnung hat der Arbeitgeber mögliche Gefährdungen des Arbeitnehmers zu überprüfen und zu vermeiden. Insbesondere § 16 GefStoffV [6] zwingt den Arbeitgeber zu einer Ersatzstoffprüfung („geringste gesundheitliche Gefährdung“). Neben der gesundheitlichen Gefährdung durch Einatmen von gefährdenden Substanzen besteht im Extremfall zudem eine Explosions- und Brandgefahr bei der Nutzung von alkoholischen Desinfektionsmitteln, wenn die Nutzung übertrieben wird oder eine Falschanwendung (z. B. Nutzung auf großen Flächen) durchgeführt wird. Die BGR 206 und die betreffenden Regeln für Sicherheit und Gesundheitsschutz der Berufsgenossenschaft besagen unter Punkt 4.6.2.4.1 hierzu: „Beim Einsatz alkoholischer Desinfektionsmittel ist folgendes zu beachten: Die Dämpfe alkoholischer Desinfektionsmittel bilden – auch in geringen Mengen – mit Luft eine explosionsfähige Atmosphäre (...) Daher sollte die Verdampfung von Alkoholen möglichst unterbunden werden. Die Scheuer-Wischdesinfektion ist folglich günstiger (...) Das Versprühen sollte daher nur eingesetzt werden, wenn ein anderes Aufbringen von Desinfektionsmitteln nicht möglich ist (...).“

Unzureichende Flächendesinfektion
Flächen werden nur dort desinfiziert, wo sie benetzt sind. Eine solche vollständige Benetzung ist bei der Sprühdesinfektion jedoch nicht immer gegeben. Flächen im Sprühschatten werden nicht benetzt und somit auch nicht desinfiziert. Ein Verdünnungsfehler kann auftreten, wenn vorhandene Nässe auf der Oberfläche die Wirkung durch Verdünnung herabsetzt [7].

Hinweise zur praktischen Durchführung
Schadhafte Oberflächen, abgestoßene Kanten und Einrichtungsgegenstände mit schlecht zugänglichen Oberflächen werden bevorzugt mittels Sprühdesinfektion desinfiziert; hier müssen die Voraussetzungen geschaffen werden, eine effiziente Desinfektion zu erreichen: Schadhafte Stellen an Oberflächen müssen ausgebessert werden, Korrosionen entfernt werden. Medizinisch- technische Geräte und Einrichtungsgegenstände sollten möglichst glatte Oberflächen haben und insbesondere an den Kontaktstellen zur Bedienung einer Wischdesinfektion zugänglich sein. Prinzipiell sollte gelten: Wo ich wischen kann, muss ich nicht sprühen. Eine Sprühdesinfektion gefährdet den Durchführenden und erreicht nur eine unzulängliche Wirkung. Sie sollte daher ausschließlich auf solche Bereiche beschränkt werden, die durch eine Wischdesinfektion nicht erreichbar sind [8]. Grundsätzlich sind bei der Sprühdesinfektion alkoholische Präparate mit möglichst wenig Zusatzstoffen zu bevorzugen, weil sie schnell wirken und nahezu vollständig verdampfen, also keine Rückstände hinterlassen. Bei der Desinfektion allgemein und der Sprühdesinfektion im Besonderen sollten folgende Hinweise und Vorsichtsmaßnahmen berücksichtigt werden [5]: – Oberflächen möglichst wischen bzw. nach Aufsprühen Nachwischen unter völliger Benetzung, – Ersatzverfahren oder Desinfektionsmittelwechsel bei Stoffen mit hochsensibilisierendem oder allergisierendem Potential anstreben (Formaldehyd, Glutaraldehyd, bestimmte Duftstoffe), – möglichst nahe an der Oberfläche sprühen (nicht „zerstäuben“!), – Verminderung des Druckes im Sprühgerät (und damit des Abstands zur Fläche), – Steuerung/Reduzierung der Konzentration (bei selbst herzustellenden Präparaten), – Vorsicht im Umgang mit alkoholischen Mitteln bei elektrischen Geräten (auf Spannungsfreiheit achten!), – Hautkontakt vermeiden, – vom Körper wegsprühen, – möglichst wenig dort Sprühen, wo weiter gearbeitet wird, – Eignung, Schulung und Unterweisung des mit den diesbezüglichen Aufgaben betrauten Personals (Gefahrstoff-Verordnung etc.), – Beaufsichtigung der Tätigkeiten in regelmäßigen Abständen, – Arbeitsanweisungen in Reinigungs- und Desinfektionsplänen, – Berücksichtigung von Schulungs- und Ausbildungsaspekten als Auswahlkriterium bei der Vergabe diesbezüglicher Aufgaben an Fremdfirmen.

Aufgrund der strengen, umfassenden Regelwerke der Berufsgenossenschaften (siehe „R+S“), Gewerbeaufsichtsämter, der ausführlichen Empfehlungen des RKI zu Flächenreinigung und Desinfektion [8] ist generell auf einen fachgerechten Umgang mit Desinfektionsmitteln zu achten; in den R-Sätzen sind z. B. die Inhaltsstoffe von Desinfektionsmitteln charakterisiert (atemwegssensibilisierend R42; hautsensibilisierend R 43 usw.). Wenn immer möglich sollten Ersatzprodukte, die diese Substanzen nicht enthalten, verwendet werden. Aus Perspektive des Arbeitsschutzes ist der Einsatz der Sprühdesinfektion nicht empfehlenswert, zumindest sollte aber stets sichergestellt sein, dass keine sensibilisierenden Substanzen enthalten sind [9]. Die Erfahrungen aus Messprogrammen zur Raumluftbelastung fließen in BG/BIA-Empfehlungen zur Überwachung von Arbeitsbereichen ein, die in einer Zusammenfassung „Gefahrstoffexposition bei Arbeiten mit Desinfektionsmitteln“ bei der BGW angefordert werden können. Sie können als Grundlage für die Erstellung von Betriebsanweisungen für Desinfektionstätigkeiten dienen, die der Arbeitgeber schriftlich festlegen und die Beschäftigten darüber informieren muss. Bei unzureichender oder fehlerhafter Durchführung von Reinigungs- und Desinfektionsverfahren entstehen u. U. Risiken für Patienten und Personal, welche bei Berücksichtigung der diesbezüglichen Informationen minimiert oder vermieden werden können.

Literatur

1. Desinfektionsmittel-Kommission im Verbund für Angewandte Hygiene (Hrsg.): Desinfektionsmittel-Liste des VAH. Stand: 1. 1. 2006. mhp-Verlag GmbH, Wiesbaden. 2006. (Hinweis: Regelmäßige Aktualisierungen im Internet!)

2. Robert Koch-Institut: Liste der vom Robert Koch-Institut geprüften und anerkannten Desinfektionsmittel und -verfahren. Bundesgesundheitsbl Gesundheitsforsch Gesundheitsschutz 2003 (46): 72–95.

3. von Rheinbaben F, Wolff MH: Handbuch der viruswirksamen Desinfektion. Springer-Verlag, Berlin Heidelberg New York 2002.

4. Eickmann U: Sprays – Kleine Helfer, unterschätzte Gefahr. BGW-Mitteilungen. 3/2005. www.bgw-online.de

5. Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege: BGR 206 · Desinfektionsarbeiten im Gesundheitsdienst BGR 209 · Umgang mit Reinigungs- und Pflegemitteln

6. Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin: Gefahrstoffverordnung (GefStoffV) vom 23. 12. 2004. (Aktualisierungen im Internet). www.baua.de

7. Eickmann U: Gefährdungsermittlung und -beurteilung im Krankenhaus: Desinfektionsarbeiten. BGW-Mitteilung vom 2. 5. 2000. www.bgw-online.de

8. Kommission für Krankenhaushygiene und Infektionsverhütung am Robert Koch-Institut: Anforderungen an die Hygiene bei der Reinigung und Desinfektion von Flächen. Bundesgesunheitsbl Gesundheitsforsch Gesundheitsschutz 2004 (47): 51–61

9. Eickmann U: Sicher desinfizieren in der Pflege. BGW-Mitteilungen. 3/2006. www.bgw-online.de

Dr. med. Bernhard Hengesbach, Bonn
Prof. Dr. med. Th. Eikmann, Gießen

HygMed 2007; (32) 6: 258–260
Aktualisierung: Februar 2011

Hinweis
Informationen zu diesen Themen finden Sie auch in Publikationen und dem Mitteilungsorgan der Gesellschaft für Hygiene, Umweltmedizin und Präventivmedizin (GHUP), der Zeitschrift Umweltmedizin in Forschung und Praxis. z. B.: Eikmann T, Knaust A, Herr C: Formaldehyd – wohin führt uns die toxikologische Neubewertung? Umwelt Forsch Prax 2006; 11 (6) 345–346.